Lagerraum Nähsaal Spielraum

Variété Liberté
Im  Frauengefängnis verwaltungsraum (woman prison administration room)

Wenn der Bauer siegt

Im ehemaligen Frauengefängnis am Neudeck in der Au gibt’s heute noch einmal “Freiheit hinter Gittern”

Aufnahme” steht in filigraner Schreibschrift an einer Tür. Was ein bisschen komisch wirkt, denn das ehemaligen Frauengefängnis am Neudeck in der Au steht seit 2009 leer. Verschiedene Grossprojekte wie das Hotel BISS wurden geplant und wieder verworfen. Jetzt sind die Künstler eingezogen und zelebrieren am heutigen Samstag noch einmal “Freiheit hinter Gittern”.

Unter dem Motto “Variete Liberte” werden Malerei, Raum-, Sound-, und Videoinstallationen gezeigt. Die Kunst wird aber nicht im Gefängnis selbst, sondern im ehemaligen Verwaltungsgebäude ausgestellt, sodass nur wenige Assoziationen an einen harten Gefängnisalltag aufkommen. In allen Räumen befinden sich zwar Gitter an den Fenstern, lediglich eine ehemalige Gefängniszelle wird genutzt und wirkt durch ihren schmalen Lichteinfall bedrückend. Da sie aber zur Bar umfunktioniert wurde, ist auch dieses Gefühl schnell wieder verschwunden.

Das Projekt versteht sich als ein offenes Kunstevent, bei dem die Besucher zum elementaren Bestandteil werden. So wird ein gelber Boxsack zum Symbol für Gegengewalt. Wenn man ihn schlägt, spielt er Originaltöne aus der Zeit der Amigo-Affäre ab. Die Besucher können ihre Mahnbescheide mitbringen, anschliessend an den Boxsack heften und ihrem Zorn freien Lauf lassen. Insofern werden Themen rund um staatliche, politische und individuelle Gewalt durch verschiedene künstlerische Hinweise aufgegriffen. Eine alte Polizeijacke ziert das Wort “Schmerzpolizei” und mutiert damit zur modischen Weste.

Der Künstlerin Shinae Kim aus der Galerie Weltraum ist mit kleinen Mitteln Beachtliches gelungen. Im einstigen Nähsaal hat sie einen minimalistischen Spielraum geschaffen, ein Schachbrett und zwei Stühle aufgestellt. Das Besondere daran: Es kämpfen nur Bauern gegen Könige, also klein gegen gross, Untertan gegen Herrscher. Ihr zweites Spiel besteht aus jeweils zwei sich gegenüberliegenden Fussabdrücken. Die Besucher stellen sich auf und simulieren eine Kampfsituation. Kim gelingt es, die Spannungsverhältnisse eines solchen Ortes, um Schuld und Unschuld, um Macht und Ohnmacht, näherzubringen.

Freiheit für immer ist eine angenehme Utopie, frei nach dem (übersetzten) Werbespruch einer bekannten französischen Zigarettenmarke, die nicht ganz zufällig als Sponsor hinter der Veranstaltung steht. Shinae Kims Schachbrett verweist auf die Realität, auf eine darwinistische Gesellschaft und damit auf den notwendigen Schutz der Schwachen.

Claudio Musotto

JVA Neudeck in der Au, Am Neu- deck 10, Samstag 14 bis 24 Uhr, Eintritt ab 18 Jahren und frei

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